Sideload
← Magazin 08. Juni 2026
Recht · 12 min

EU DMA und Sideload auf iOS — die Welle seit März 2024

Der Digital Markets Act und die alternative App-Store-Welle auf iOS in der EU, mit AltStore PAL, MacPaw Setapp Mobile und Apples Core Technology Fee.

EU DMA und Sideload auf iOS — die Welle seit März 2024

Zwei Jahre nach dem 7. März 2024 ist die Linie zwischen den beiden mobilen Plattform-Welten in der EU eine andere als noch davor. Der Apple App Store war seit dem 10. Juli 2008 das Walled-Garden-Modell schlechthin: ein einziger offizieller Distributions-Kanal für iPhone-Apps, mit App-Review-Pflicht durch Apple und dem berühmten 30-Prozent-Anteil, den Apple bis 2023 auf alle digitalen Käufe einbehalten hat. Seit der Small-Business-Program-Reform 2021 und den weiteren Staffelungen ab 2024 ist der Anteil je nach Entwickler:innen-Größe gesunken, aber die strukturelle Logik blieb dieselbe: ein Store, eine Schleuse, ein Tor-Hüter.

Google Play war in dieser Erzählung immer der etwas offenere Gegenpol. Auf Android war Sideload — also die Installation einer App über eine APK-Datei außerhalb des offiziellen Stores — nie ausgeschlossen. F-Droid, der Open-Source-Store seit 2010 mit heute etwa 4500 freien Apps, ist nur deshalb möglich, weil Android diese Tür von Anfang an offen gelassen hat. Google Play Protect, die System-Sicherheits-Schicht, scannt sideloaded Apps zwar mit, blockiert sie aber nicht pauschal. Auf iOS war eine vergleichbare Alternative bis 2024 nur über Cydia auf jailbroken Geräten erreichbar — also außerhalb des unterstützten Pfades.

Der Digital Markets Act als regulatorischer Hebel

Mit der Verordnung EU 2022/1925, dem Digital Markets Act, hat die Europäische Union am 7. März 2024 einen ganz neuen Rechts-Rahmen für die großen Plattform-Konzerne in Kraft gesetzt. Apple und Google sind beide als sogenannte Gatekeeper-Plattformen designiert worden — Apple mit iOS, dem App Store und Safari, Google mit Android, Google Play und Chrome. Die Konsequenz für iOS war historisch: Apple musste zum ersten Mal seit 2008 erlauben, dass iPhone-Apps auch über andere Kanäle als den eigenen App Store auf das Gerät kommen.

Die technische Umsetzung kam mit iOS 17.4 am 5. März 2024 — der ersten iOS-Version, die in den EU-Mitgliedsstaaten alternative App-Stores nativ unterstützt. Bedingung: das Gerät muss in einem EU-Land registriert sein und die Apple-ID muss eine EU-Region führen. Mit iOS 17.5 im Mai 2024 kam zusätzlich die Web-Distribution-Linie dazu: etablierte Entwickler:innen mit nachweisbarer Reichweite (Vorqualifikation: mindestens eine iOS-App mit über einer Million Erst-Downloads pro Jahr in der EU) dürfen ihre Apps direkt von der eigenen Webseite distributen, mit dem Apple-Web-Distribution-Entitlement.

AltStore PAL als erster produktiver alternativer Store

Der erste alternative App-Store, der unter dem neuen DMA-Regime produktiv in Betrieb gegangen ist, war AltStore PAL im April 2024. Hinter dem Projekt steht Riley Testut, ein langjähriger Sideload-Pionier aus der Cydia-Ära, der mit AltServer schon vor 2024 einen halb-legalen Sideload-Pfad über Apples eigentlich für Entwickler:innen gedachte Sieben-Tage-Signaturen betrieben hat. AltStore PAL kostet 1,50 Euro Jahres-Abo plus die Apple-Pflicht-Fee für alternative Stores. Bis Mitte 2026 hat der Store nach eigenen Angaben rund 60000 Downloads erreicht — eine kleine Zahl im Vergleich zum App Store, aber bemerkenswert für ein Projekt ohne Marketing-Budget.

Die Spitzen-Apps auf AltStore PAL haben jeweils einen klaren Grund, warum sie im offiziellen App Store keinen Platz finden. Delta, der Nintendo-Emulator von Testut selbst, lief jahrelang nur über AltServer-Sideload, weil Apple Konsolen-Emulatoren erst mit der App-Store-Reform 2024 grundsätzlich erlaubt hat — und auch dann mit Einschränkungen, die kommerzielle ROM-Distribution betreffen. Clip, ein universeller Clipboard-Manager mit Hintergrund-Zugriff, ist im App Store nicht möglich, weil iOS Hintergrund-Pasteboard-Reads aus Privacy-Gründen strikt limitiert. Auf AltStore PAL läuft beides ohne Workaround.

Setapp Mobile als die zweite Spitze

MacPaw, das Kyiver Software-Studio hinter CleanMyMac und der Setapp-Subscription, hat im Mai 2024 mit Setapp Mobile den zweiten ernsthaften alternativen iOS-Store gestartet. Das Modell ist eine Erweiterung der seit Jahren etablierten Mac-Setapp-Subscription, die Mac-Nutzer:innen für eine monatliche Pauschale Zugriff auf ein kuratiertes Bundle von etwa 250 macOS-Apps gibt. Auf der Mobile-Linie kostet das Abo derzeit etwa 12 Euro pro Monat und umfasst die iOS-Versionen ausgewählter Setapp-Apps — darunter Things 3 von Cultured Code (Kulturhauptstadt-Apple-Design-Award-Sieger) und PDF Expert von Readdle.

Strategisch ist Setapp Mobile interessant, weil das Studio damit ein etabliertes Bezahl-Modell (eine Subscription für viele Apps) in das neue regulatorische Umfeld trägt — und damit die mögliche zweite Linie neben dem klassischen iOS-Einzelkauf demonstriert.

Die Core Technology Fee als Apples Gegen-Maßnahme

Die wohl umstrittenste Komponente der DMA-Umsetzung durch Apple ist die Core Technology Fee, kurz CTF. Apple verlangt von Entwickler:innen, die ihre Apps über alternative Stores oder Web-Distribution in der EU veröffentlichen, eine Gebühr von 50 Cent pro Erst-Download pro Jahr — ab einer Schwelle von einer Million Erst-Downloads pro Jahr. Die Logik aus Apple-Sicht: Apple stellt die zugrunde liegende iOS-Plattform, die Entwickler-Werkzeuge und die App-Verteilungs-Infrastruktur, also soll auch jenseits des App Stores eine Vergütung dafür fließen.

Die Kritik aus der Entwickler:innen-Community ist scharf und im Kern strukturell: die CTF bestraft genau jene Apps, die der DMA eigentlich begünstigen soll — kostenlose Indie-Apps mit großer Reichweite. Eine kostenlose App mit zehn Millionen Downloads würde unter CTF-Regime jährlich 4,5 Millionen Euro an Apple zahlen müssen, ohne selbst Einnahmen zu generieren. Mehrere prominente Entwickler:innen, darunter Tim Sweeney von Epic Games, haben die CTF öffentlich als Versuch bezeichnet, die DMA-Öffnung wirtschaftlich unattraktiv zu machen. Die Europäische Kommission hat seit 2024 mehrere Untersuchungen gegen Apple eröffnet, darunter auch zur CTF-Konstruktion, zur Anti-Steering-Klausel (also dem Verbot, Nutzer:innen aus der App heraus auf günstigere externe Bezahl-Wege hinzuweisen) und zu möglichen Sideload-Hürden in der Onboarding-UX.

Auswirkungen auf Endnutzer:innen in DACH

Für die große Mehrheit der iOS-Nutzer:innen im DACH-Raum bleibt der Apple App Store auch zwei Jahre nach Inkrafttreten der DMA-Regelung die Standard-Quelle für Apps. Schätzungen aus Branchen-Berichten 2026 sehen den Marktanteil des App Stores in der EU bei rund 95 Prozent der iOS-Installationen. Die Sideload-Option ist also weniger eine Massen-Bewegung als vielmehr eine Wahl-Möglichkeit für jene Gruppen, die spezifische Apps brauchen — Emulatoren, Power-User-Werkzeuge, datenschutz-fokussierte Alternativen ohne Tracking-Bibliotheken.

Wer AltStore PAL auf einem iPhone mit iOS 26 in Deutschland installieren möchte, geht den folgenden Pfad: Apple-ID-Region prüfen (muss auf einen EU-Mitgliedsstaat gesetzt sein, in den Einstellungen unter Apple-ID, Medien und Käufe, Region), dann altstore.io im Safari aufrufen und auf die PAL-Variante navigieren. Beim Tippen auf den Installations-Button öffnet iOS einen System-Dialog, der die Erlaubnis für AltStore als alternativen Marketplace abfragt. Nach Bestätigung wird AltStore PAL als eigene App-Store-Anwendung installiert; Apps innerhalb des Stores werden anschließend regulär heruntergeladen. Die Apple-Sicherheits-Schicht prüft alle alternativ distributen Apps mit dem Notarization-Verfahren — also einer automatisierten Malware-Prüfung ohne die volle App-Review der Standard-Linie.

Vergleich zur Android-Tradition

Wer aus dem Android-Lager auf die iOS-DMA-Debatte schaut, sieht den Unterschied der beiden System-Kulturen besonders klar. Android hat Sideload nie kategorisch ausgeschlossen — die Installation einer APK aus einer beliebigen Quelle ist seit Android 1.0 (2008) möglich, wenn auch hinter einem Sicherheits-Toggle. F-Droid, der wichtigste Open-Source-Store, läuft seit 2010 als Community-Projekt und führt heute etwa 4500 freie und quelloffene Apps. Google Play Protect, die System-Sicherheits-Schicht seit Android 8 (2017), scannt sideloaded Apps mit, ohne sie zu blockieren. Die DMA-Welle hat auf Android entsprechend keine architektonische Veränderung erzwungen, sondern nur einige Anti-Steering-Verschärfungen rückgängig gemacht.

Was iOS in den letzten zwei Jahren erlebt hat, ist also keine vollständige Annäherung an das Android-Modell, sondern eine regulatorisch erzwungene Teil-Öffnung, die mit jeder iOS-Update-Generation neu verhandelt wird. Die EU-Untersuchungen zur CTF und zur Web-Distribution-Friktion laufen weiter; mit iOS 27 im Herbst 2026 wird Apple voraussichtlich weitere Anpassungen an der Onboarding-UX vornehmen müssen.


Ressort: Recht